Teilen hat etwas Magisches!

26. Okt 2010

Von Rudolf Schenker mit Lars Amend

Rudolf Schenker, O’Hare International Airport Chicago, 2010; Foto: Tatyana Sazonova

Es muss im Sommer 1974 gewesen sein. Wir tourten mit unserem zweiten Album Fly To The Rainbow durch die Lande, genossen die Zeit und träumten von der großen weiten Welt. Ich erinnere mich noch genau: Francis, unser Bassist, machte sich neben mir auf dem Beifahrersitz mal wieder über meine täglichen Yogaübungen lustig, wie er es auf den langen Autofahrten von Konzert zu Konzert oft tat, um Zeit totzuschlagen. John Lennon hin, Maharishi her, Yoga sei doch nur was für kleine Mädchen und überhaupt nicht Rock‘n‘Roll. Es gab reichlich Gesprächsstoff. Als wir an einer roten Ampel hielten, überquerte direkt vor uns eine alte Frau die Straße. Ihr Rücken war krumm und sie musste sich an einem Gehstock abstützen. Sie hatte sichtlich Schmerzen und kam kaum voran.
»Soll ich dir sagen, warum ich Yoga mache?«, sagte ich zu Francis, ohne den Blick von der Oma abzuwenden. »Damit ich in vierzig Jahren nicht so ein schreckliches Leben führen muss wie diese arme Frau!«
Darauf konnte er nichts erwidern, denn er wusste wohl, dass ich Recht hatte. Auch wenn er sich nichts anmerken ließ und weiter seine Scherze machte.

Heute bin ich so alt, wie diese Frau damals! Ich lebe jeden Tag im Jetzt – mit dem Bewusstsein eines ganzen Lebens. Ich denke an das Kleine, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Viele verausgaben und verlieren sich in dem Augenblick und haben dann keine Kraft mehr, die Lorbeeren zu ernten, wenn es soweit ist. Wie oft wurde ich schon gefragt, wie ich mir den außergewöhnlichen Erfolg der Scorpions über die vielen Jahrzehnte erkläre. Die Antwort ist überhaupt nicht so kompliziert. Der ausschlaggebende Punkt war immer unsere Freundschaft. Und das Vertrauen untereinander. Natürlich musste jeder sein Instrument spielen können, keine Frage, aber das Gefühl der Verbundenheit stand immer an oberster Stelle, nach dem Motto: »Wir sind das A-Team, eine Einheit, eine Gang, die aufbricht die Welt zu erobern.« Aus unserer tief verankerten Freundschaft entwickelte sich sogar mehr Musikalität, als der beste Musiker es jemals alleine hätte erreichen können. Da bin ich ganz sicher.

»Ich lebe jeden Tag im Jetzt – mit dem Bewusstsein eines ganzen Lebens.«

Vertrauen zu haben ist der Schlüssel zum Erfolg. Du kannst Vertrauen auch mit Geduld gleichsetzen. Vertrauen hast du nämlich nur so lange, wie du auch geduldig bleibst. Ich habe viele hochtalentierte Musiker kommen und gehen sehen, die technisch um Längen besser waren als ich, die aber keine Geduld für ihr Tun aufbrachten. Sie spielten heute hier und morgen da, liefen aber eigentlich ständig vor sich selbst davon. Sie haben an jedem Ort ihre Samenkörner gesät, sie leidenschaftlich gegossen, doch als sie nach kurzer Zeit noch nicht aufgingen, wurden sie ungeduldig und zogen weiter. Dort pflanzten sie erneut ihre Saat und das Spiel fing von vorne an. Auf diese Weise wanderten sie ihr ganzes Leben planlos umher und merkten gar nicht, dass hinter ihnen die schönsten Landschaften entstanden. Als sie sich eines Tages umdrehten und all die blühenden Wiesen und Felder erblickten, wunderten sie sich, wie sie an diesem Paradies nur blindlings vorbei laufen konnten. Marilyn Monroe sagte einmal: »Alles, was zu besitzen sich lohnt, lohnt auch, dass man darauf wartet.«

Das gilt auch für die Freundschaft. Du hast am Erfolg viel mehr Spaß, wenn du Freunde hast, die dich auf deinem Weg begleiten. Jesus hat sein Brot mit seinen Jüngern geteilt und war glücklich dabei. Es stimmt tatsächlich: Teilen hat etwas Magisches. Es gibt etliche Beispiele von Einzelkämpfern, von Elvis bis Michael Jackson, die sich derart ins Abseits gelebt haben, dass sie mit der Welt, die sie geschaffen hatten, nicht mehr zurecht kamen und ihren Erfolg auch nicht mehr bewusst wahrnehmen könnten.

Meine Geschichte zeigt einen anderen Weg. Ich sage immer: Suche dir Menschen, die auf deiner Wellenlänge liegen und mit denen du das Gefühl hast, dass hier etwas besonderes entstehen könnte. Auf langer Elle wird sich deine Geduld auszahlen. Egal was du auch tust, der schnelle Vorteil wird dir langfristig immer die Probleme ins Haus bringen. Und je länger du diese Inkonsequenz einhältst, desto schwieriger ist es, sich daraus zu befreien. Dein Leben wird zu einem riesigen Wirrwarr und am Ende weißt du vielleicht gar nicht mehr, warum du eigentlich so unglücklich bist. Gehe zum Ursprung zurück und denke immer daran, dass nur du allein für Leben verantwortlich bist. Suche die Ursache nicht bei anderen.

Diejenigen, die ständig über alles und jeden meckern, sind die, die keine Verantwortung für ihre eigenen Gedanken übernehmen wollen. Sie setzen schlechte Qualität in den Raum und beschweren sich auch noch darüber, dass es plötzlich anfängt zu stinken. Dein Abteilungsleiter hat an allem etwas auszusetzen, schmettert alle Vorschläge des Teams mit einer abfälligen Handbewegung ab, verbreitet in der kompletten Gruppe negative Energie, bringt aber selbst keine konstruktiven Vorschläge, um an der Situation etwas zu ändern? Na, kommt dir das bekannt vor? Dieser Kollege, der nur destruktiv denkt und alles scheiße findet merkt nicht, wie er durch sein Verhalten das restliche Team mit in seinen negativen Sog zieht. Er wundert sich nur, warum plötzlich alles um ihn herum schief läuft. Derjenige aber, der sich klar ist über sein Handeln, wird sich niemals beschweren, denn die Situationen, in die er sich begibt, sind immer die, die er selbst erdacht und somit herbeigerufen hat. Wer die eigene Verantwortung abgibt, verbaut sich gleichzeitig die Möglichkeit, an die Orte zu gelangen, an denen er sich wohl fühlt. Es ist wirklich so einfach.

»Alles, was zu besitzen sich lohnt, lohnt auch, dass man darauf wartet.« (Marilyn Monroe)

Wenn du in der Lage bist, deinen Erfolg zu teilen und positiv denkst, werden Energien freigesetzt, die dich immer wieder nach vorne katapultieren werden. Deswegen ist auch die Idee, die Menschen an den Firmen zu beteiligen für die sie arbeiten, ein guter Schritt in eine bessere Zukunft. Die ganze Welt ist doch in Prinzip eine einzige große Firma. Wir atmen alle die gleiche Luft, laufen auf dem gleichen Boden und haben ähnliche Träume. Wir könnten unsere Welt revolutionieren, doch dadurch, dass wir sie in kleine Stücke zerteilen, jeder nur an sein eigenes Wohlergehen denkt und seinen Nachbarn für sein anderes Denken verurteilt, zerstören wir sie Stück für Stück. Gérard Depardieu sagte erst vor kurzem in einem Interview mit dem ZEITmagazin: »Jede Nation langweilt mich. Ich liebe die Kulturen, aber die Nationalstaaten machen alles eng.« Darauf einen 2002 Ma Référence. Oder einen guten Espresso.

Lass mich dir eine kurze Geschichte erzählen: Ein Bio-Bauer irgendwo in der Nähe von Hannover eröffnete auf seinem Hof einen kleinen Obst- und Gemüseladen, in dem jeder einkaufen konnte, der einen festgesetzten monatlichen Beitrag leistete. Eine Reporterin fragte ihn, ob er keine Angst habe, ausgenutzt zu werden, doch der Bauer antworte: »Ich gehe natürlich davon aus, dass die Menschen ehrlich sind und nur soviel mitnehmen, wie sie für ihren Eigenbedarf brauchen. Sonst würde das System nicht funktionieren.« Am Ende musste er seinen Laden zwar wieder schließen, weil das Konzept an der Gier der Menschen scheiterte, doch im Grunde ist die Idee des Bauern ein Prinzip, das unser aller Leben lebenswerter machen würde. Das Vertrauen seinen Mitmenschen gegenüber ist etwas, das wir erst wieder lernen müssen.

Wenn man eine Gemeinschaft gründet, die auf Ehrlichkeit und Vertrauen aufgebaut ist, und man seine Träume nicht beschränkt, kann man auch grenzenlosen Erfolg haben. Durch die Kraft der Gedanken ist jeder in Lage, sich seine eigene Welt genau so aufzubauen, wie man sie haben möchte. Es hängt lediglich davon ab, wie weit man sich von der Schwerkraft der Gesellschaft lösen kann.

»Suche dir Menschen, die auf deiner Wellenlänge liegen und mit denen du das Gefühl hast, dass hier etwas besonderes entstehen könnte.«

Warum wird in Cliquen, egal in welchen Alter, so viel und vor allem sinnlos Alkohol konsumiert? Weil die Menschen in sich und in ihrer kleinen Gruppe gefangen sind und den Ausgang nicht finden. Deswegen drehen sich ihre Gespräche auch so oft um die ewig gleichen Themen: »Och, weißt du noch … damals war alles besser … und mein Rücken tut auch weh … ja ja, und der Kalle hat auch seinen Job verloren … und die Bayern haben wieder versagt … ich hab‘s ja immer gesagt, der Magath ist auch so eine Gurke … und die Petra, wie hässlich die heute wieder geschminkt ist … und morgen die blöde Mathe-Arbeit … ja ja, alles Mist … Scheiße … Prost, Mahlzeit!«

Wenn du dich gerade ertappt fühlst, musst du deiner Umgebung nicht gleich den Rücken kehren, überhaupt nicht, liebe jeden einzelnen wie eh und je. Trotzdem ist jetzt die Zeit für eine Veränderung gekommen. Packe deinen Koffer, breche mit deinen alten Mustern, gehe weiter und überrasche dich selbst. Auf einmal wirst du merken, dass du bislang wie in einer Käseglocke gelebt hast. Öffne die Augen! Das Leben ist nicht so scheiße, wie du glaubst. »Geil! Was passiert denn jetzt? Hier ist ja eine riesengroße Welt mit unendlichen Möglichkeiten! Das gibt‘s doch gar nicht!«

Diese Erkenntnis fällt einem oft im ersten Augenblick gar nicht auf. Erst später, wenn man über sich reflektiert, merkt man, warum das Leben doch noch eine Wende zum Positiven gefunden hat. Frage dich jeden Tag: »Bin ich glücklich? Wenn nein, warum nicht?« Befeuchte deinen Finger, halte ihn in den Wind, damit er dir die richtige Richtung weist und höre auf das Gefühl in deinem Bauch.

Das Leben befindet sich ständig in Bewegung. Es steht niemals still. Und genau diesen stetigen Wandel muss man in seiner eigenen Persönlichkeit auch durchleben. Die Menschen, die bis zu ihrem letzten Atemzug mit Freude aktiv waren und noch immer sind, sind die glücklichsten Menschen auf Erden. Sie sind im Fluss, halten sich und ihren Körper in der richtigen Schwingung und stimmen ihn ständig nach. Fragte man sie nach ihrem Geheimrezept, bekäme man wohl folgende Antwort: »Welche Arbeit meinen Sie? Ich mache das, was mir Spaß macht. Das ist keine Arbeit.«

Die Menschen des alten Systems altern auch wesentlich schneller. Warum? Weil sie keine frischen Gedanken mehr zulassen. Ihr Gehirn bekommt keine Nahrung mehr. Sie trocknen innerlich aus. Sie verwelken. Sie haben keine Träume mehr, keine Visionen, die sie verwirklicht sehen möchten, leben ein trostloses Leben und dann ist es auch schon vorbei.

Warum sieht Tina Turner mit ihren 70 Jahren immer noch so frisch aus? Sie geht auf Welttournee und liefert ein Bühnenprogramm ab, bei dem selbst ihre 50 Jahre jüngeren Tänzerinnen mächtig ins Schwitzen kommen. Warum kann sie das? Weil sie es liebt. Weil es ihr unglaublich viel Spaß macht. Sie umgibt sich mit jungen Menschen, bekommt immer wieder neue Anregungen und rostet nicht ein. Was für andere Stress bedeutet, ist für sie die reinste Verjüngungskur. Warum wird sie denn von allen Generationen so angehimmelt? Natürlich wegen ihrer Musik, ihrer enormen Energie, aber doch auch wegen ihres besonderen Lebensweges. Und weil sie sich niemals aufgegeben hat. Auch nicht in schlechten Zeiten. Auch Tina musste ausbrechen, um ihren Träumen zu folgen. Rock Your Life.

2 Responses to Teilen hat etwas Magisches!

  1. Lars says:

    Die nächste neue Rock Your Life Geschichte kommt schon bald…

  2. DJ Ron says:

    Großartig! Sehr inspirierende Zeilen!

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