Interview mit den Brüdern Christoph und Lars Amend.

01. Nov 2010

Dass es unterschiedliche Wege zum Erfolg gibt und dass diese nicht zwangsläufig über eine Universität führen müssen, zeigt die Vita der Brüder Christoph und Lars Amend aus Langgöns. Der ältere, Christoph, ist Leiter des Magazins der »Zeit«, der jüngere einer der angesagtesten Biografie-Autoren des Landes. Ein Gespräch über große und kleine Brüder, viel und wenig Ehrgeiz sowie die Leidenschaft für das Schreiben und für absurde Musik.

Foto: Wollmann

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Geschwister im Alter von 3 bis 7 Jahren 3,5-mal pro Stunde streiten …

CA: (lacht) Das kann man bei uns überhaupt nicht sagen.

LA: Wir liegen deutlich über dem Schnitt, denn wir haben uns oft gestritten, uns aber auch immer wieder vertragen und dann wieder von vorne angefangen. Streiten, vertragen, streiten, vertragen. So ging das immer. Beim Fußball haben wir schon gestritten, bevor es losging. Wer den Anstoß macht und so. Christoph hat immer den Schiedsrichter gespielt.

CA: Das war anfangs mein Trick. Ich war Spieler, Kommentator und Schiedsrichter in einem. Das ging aber nur so lange gut, bis der gegnerische Spieler nicht mit meiner Elfmeterentscheidung einverstanden war. Dann war es vorbei – für immer.

LA: Stimmt.

CA: Wir haben nachmittagelang in der Wohnung gespielt, wenn unsere Eltern nicht da waren. Wir durften es nämlich nicht. Mit einem kleinen Tennisball auf den Fliesen. Wir waren etwa gleich gut. Es gab schon eine Rivalität, dafür sind wir zu nah beieinander. Ich war zum Beispiel immer neidisch, dass Lars so gut skaten konnte.

LA: Skateboard fahren fand ich immer cooler. Mit 14, 15 Jahren war das für die Mädchen auch viel attraktiver. Einen Ollie sechs Treppenstufen herunter zu machen, das hat beeindruckt. Mit Fußball habe ich viel früher aufgehört als du.

Man sagt ja, dass sich Geschwister gegenseitig prägen – mehr noch als Eltern. Können Sie das bestätigen?

LA: Auf jeden Fall. Allein musikalisch bin ich ausschließlich durch meinen Bruder geprägt worden. Als ich noch kein Taschengeld hatte, um mir eigene Platten zu kaufen, hat Christoph mir seine neuen immer auf Kassetten aufgenommen. Jede Woche eine. Die habe ich heute noch.

CA: Wirklich?

LA: Klar, das sind etwa 500 Kassetten. So bin ich relativ früh, viel früher als meine Klassenkameraden, zur Musik gekommen, hauptsächlich zur amerikanischen. Das war 1986, die Phase, in der Hip-Hop in den USA richtig populär wurde. Meine Mitschüler konnten damit nichts anfangen. Als ich mit 10 Jahren zu meiner Mutter gesagt habe, ich brauche unbedingt eine schwarze Bomberjacke…

CA: Da hat sie sich Sorgen gemacht!

LA: Ja, weil in Frankfurt damals nur Hooligans so eine Jacke getragen haben. Sie hat mir noch einen riesigen Sticker von Public Enemy aufgenäht. Die Oberstufenschüler fanden mich total cool, die anderen hatten noch nie von Public Enemy gehört.

CA: Ich hatte auch eine Jacke mit dem Logo von Public Enemy: ein weißes Fadenkreuz, in der Mitte ein Mann. Ich glaube heute, dass da eine gewisse Art von Exotik eine Rolle gespielt hat. Wenn man in Langgöns aufwächst, ist ein schwarzer Rapper aus der Bronx der am weitesten entfernte Punkt der Welt. Also fand ich es spannend. In Langgöns auf der Straße hat natürlich keinen interessiert, was da auf Englisch auf meiner Jacke stand. Aber ich bin mit 15 nach England zur Schule gegangen und habe dort an meinem ersten Schultag ganz selbstverständlich diese Jacke getragen. Das hätte ich besser nicht machen sollen. Ich war der einzige Deutsche auf einer Jungenschule. 1990. Und auf meiner Jacke stand: öffentlicher Feind. Ich hätte mir viel Ärger ersparen können.

Stimmt es, dass ältere Brüder immer intelligenter sind?

LA: (lacht).

CA: Warum lachst du? (lacht).

LA: Du warst in der Schule immer viel besser als ich und kamst entspannt durch.

CA: Bis auf Mathe. Das war nicht so entspannt.

LA: Hattest du nicht Physik als drittes Prüfungsfach?

CA: Du willst jetzt aber nicht erzählen, dass ich gelegentlich gespickt habe, sonst wird mir noch das Abi aberkannt.

LA: Ich habe immer abgeschrieben, trotzdem bin ich nur gerade so durchgekommen.

CA: Ich hatte tatsächlich Glück, dass Marko in Physik neben mir saß. Ich hatte keine Ahnung von Physik, aber Marko war der beste Mathematiker des Jahrgangs. Sagen wir so: Durch ihn hatte ich immer gute Noten. Aber bei der Abi-Prüfung ging nichts. Die Aufsicht stand direkt vor meinem Tisch. Nach der Hälfte der Zeit dachte ich, das war es. Am Ende hatte ich wenigstens dreieinhalb von fünf Aufgaben gelöst. Ist es das, was du mit besseren schulischen Leistungen meinst?

LA: Ich war schon das Sorgenkind, was die Schule betraf. Ich hatte Nachhilfe, habe die Schule gewechselt und den Zweig, um das Sitzenbleiben zu vermeiden. Unser Vater hatte schlaflose Nächte. Eine 5 hatte ich immer, meist in Mathe. Das Absurde ist ja, dass unsere Mutter Mathe studiert hat und ihre Kinder in Mathe so was von unfähig waren. Mein Lehrer hat nach einer 5 mal unter die Arbeit geschrieben: »Herr Amend, Sie sehen Land.« In den Klausuren vorher hatte ich nämlich immer eine glatte 6. Am Ende stand aber im Abiturzeugnis eine 2 vor dem Komma – 2,9.

Eine Frage an den kleinen Bruder, große Brüder sind…

LA:… stärker. Ich habe beim Kämpfen immer verloren. Heute ist das anders. Ja, und große Brüder sind Wegbereiter. Man orientiert sich als kleiner Bruder immer an ihnen. Deswegen haben wir wohl auch ähnliche Berufe. Ich bin Christoph unbewusst immer gefolgt und habe das gleiche studiert…

CA: Was heißt hier studiert…Wir waren beide eingeschrieben.

LA: Wir haben es beide nicht zu Ende gemacht (lacht).

CA: Ja, das ist sehr schön ausgedrückt.

Und kleine Brüder?

CA: Ich bin der große Bruder, bin älter und habe zeitlich Vorsprung, aber ich war, das haben unsere Eltern später erzählt, als kleiner Junge durchaus neidisch, dass Lars plötzlich da war. Ich musste offenbar zeigen: Hey, mich gibt es auch noch. Vielleicht habe ich deshalb ein gewisses Geltungsbedürfnis entwickelt und musste die Fußballspiele kommentieren. Wer weiß, vielleicht kommt mein Ehrgeiz daher? Kleine, coole Brüder sind schon gut.

LA: Kleine Brüder müssen immer gegen die Dominanz des größeren ankämpfen und ihn austricksen, weil sie sonst keine Chance haben. Christoph stand immer im Fokus und ich nebendran.

CA: Ach, so ein Schmarrn. Alle Cousinen haben dich angehimmelt. Du warst immer der ruhige, zurückhaltende Typ mit den tollen, langen, rotbraunen Haaren, die alle super fanden.

LA: Kastanienbraun.

CA: Ja, ja, genau. Ich war der Rothaarige, du hattest kastanienbraune Haare, und alle waren verliebt in dich.

LA: Ich glaube, der größte Unterschied… Warum guckst du so?

CA: Ich bin gespannt, was du jetzt sagst.

LA: Na, du warst schon immer der, der mehr redet. Ich war der, der zuhört. Schon früher haben Christoph und mein Vater beim Abendessen immer über politische Dinge gesprochen.

CA: Gestritten. Gesprochen klingt etwas zu zivil.

LA: Ich hatte damals keine Ahnung von Politik…

CA: Ich auch nicht.

LA: Aber du hast so getan. Und deshalb habe ich zugehört und mich entspannt zurückgelehnt.

Foto: Wollmann

Erzählen Sie sich alles?

CA: Wenn es darauf ankommt auf jeden Fall.

LA: Wir telefonieren und sehen uns nicht täglich, das geht nicht, weil wir beide viel zu tun haben. Obwohl wir – was Berlin betrifft – Nachbarn sind. Luftlinie 7 km.

CA: Aber samstags treffen wir uns regelmäßig bei mir und schauen – zur großen Freude meiner Freundin – zusammen Bundesliga. Meine Freundin behauptet übrigens, dass wir oft gleichzeitig identische Geräusche machen, wie sie das nennt. Jubeln oder Schimpfen, wie wir Fußballfans das nennen.

LA: Und dabei erzählen wir uns, was in der Woche passiert ist, was aufregend war und was einem sonst so durch den Kopf geht. Bei problematischen Situationen oder wenn wichtige Entscheidungen anstehen, suchen wir aber sofort den Kontakt.

Sie haben mal gesagt: Fußball schaut man im Stadion oder alleine vor dem TV?

CA: Mit meinem Bruder ist das anders. Wir sind Scheidungskinder. Meine Mutter ist damals ausgezogen, und wir haben mit unserem Vater in Langgöns gewohnt. Als wir älter waren, ist er auch schon mal drei Wochen nach Italien gefahren. Wir waren relativ oft zu zweit alleine. Ich war damals 16, 17, Lars war 12, 13, und wir hatten natürlich nichts dagegen, das Haus für uns zu haben. Das Fußballschauen ist ein Ritual, das an unsere Kindheit erinnert.

Wären Sie auch miteinander befreundet, wenn Sie nicht verwandt wären?

CA: Ja, denn was ich an Lars schätze, schätze ich auch an meinen langen Freundschaften. Der Kern von Freundschaft besteht ja darin, dass es bei einem Treffen sofort wieder so ist wie immer und man über alles redet, auch wenn man sich eine lange Zeit vorher nicht getroffen oder gesprochen hat. Das gibt es nicht oft. Bei uns ist das so. Fast niemand kennt mich so gut wie Lars. Er kennt alle Stärken und Schwächen. Wir müssen uns nichts vormachen. Das macht Freundschaft aus.

LA: Ich kann das nur unterschreiben.

Lassen Sie uns über ihren Beruf reden. Wie war das Leben als Bushidos PR-Manager?

LA: Es war aufregend. Und sicher die spannendste Zeit bis dato. Ich habe viel darüber gelernt, was es heißt, einen Traum zu haben und den bis zum Ende durchzuziehen. Wenn alle sagen, geh nach rechts, nach links zu gehen, obwohl man der Einzige ist, der daran glaubt. Das hat mich beeindruckt.

Wird man auch mit Dingen konfrontiert, die man lieber nicht gesehen hätte?

LA: Ach, na ja. Ich habe in den zwei Jahren jedenfalls nichts gesehen, was so außergewöhnlich war, dass ich sagen müsste, ich kann nicht mehr ruhig schlafen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich sehr tolerant bin.

Um die Biografie zu schreiben, mussten Sie alles von Bushido wissen. Wie funktioniert das in der Praxis?

LA: Ich hatte den Vorteil, dass ich ihn schon etwa ein halbes Jahr lang kannte, als wir gemeinsam anfingen zu schreiben. Ab diesem Moment war ich jeden Tag von morgens bis abends mit ihm zusammen. Zudem haben wir täglich drei, vier Stunden Interviews geführt. Ich habe ihn häufiger gesehen als meine Freundin. Man muss dabei viel beobachten. Wie ein Schauspieler, der sich auf eine Rolle vorbereitet. Wenn du später die Aufnahmen abhörst, musst du denken wie er, reden wie er. Ich habe unbewusst sogar seine Art zu sprechen angenommen. In meinem Kopf lief ständig ein Film mit ihm als einzigen Darsteller. Während des Schreibens habe ich in einer anderen Welt gelebt. Nur so funktioniert es. Er hat mir sein Leben erzählt – alles – und mir zu 100 Prozent vertraut. Wenn er gewisse Dinge nicht erzählt hätte, wäre das Buch nicht authentisch geworden. Und nicht so ein Erfolg.

Authentisch ist auch Ihr zweites Buch »Rock Your Life«, die Biografie von Rudolf Schenker.

LA: Es ist eine Mischung aus Lebensratgeber und Biografie. Als ich das Angebot bekam, dachte ich: Oha, die Scorpions. Im Ausland hätte man gedacht: Wow, die Scorpions. Ich gebe zu, bei mir waren sie nicht so präsent.

CA: Ich habe dir damals jedenfalls keine Kassetten mit den Scorpions aufgenommen.

LA: Rudolf ist doppelt so alt wie ich, und ich habe mich gefragt: Kann ich das? Ich wusste nicht, ob ich mich in eine Person hineinversetzen kann, die zum Zeitpunkt meiner Geburt schon über 30 Jahre alt war. Das ist wahnsinnig schwer. Zu der Zeit, in der Rudolf in den 60er Jahren angefangen hat, Musik zu machen, habe ich ja keine persönlichen Bezugspunkte gehabt.

CA: Und man kann sich auch unseren Vater nicht so direkt als Gitarristen der Scorpions vorstellen.

LA: Stimmt (lacht). Als Rudolf und ich aber beim ersten gemeinsamen Treffen dann parallel Rote-Beete-Suppe ohne Sahne bestellt haben, wusste ich aber sofort, das passt. Wir haben die gleiche Einstellung zum Leben, deswegen hat es auch so gut funktioniert.

Sie haben mal eine Zeit lang in einem schlimmen Viertel Londons gelebt, der Turn Pike Lane…

LA: Das war schon ein hartes Viertel. Mark Knopfler hat darüber sogar einen Song geschrieben. Die Drogen- und Gangstergeschichten, die ich dort erlebt habe, waren eine wahnsinnig interessante und wichtige Erfahrung. Ich bin voll und ganz in diese unbekannte Welt eingetaucht und habe jeden Augenblick genossen. Ich war glücklich, habe nicht an meine Zukunft gedacht, sondern voll im Jetzt gelebt.

CA: Du wolltest ja eigentlich nur vier Wochen hin. Auf einmal hieß es dann: Lars bleibt. Das ist typisch Lars.

LA: In meinem Kopf hatte ich schon vor, länger zu bleiben. Aber ich habe es nicht gesagt. Ich wollte etwas erleben. Mein Plan war, nach einer Woche ein Zimmer zu finden und dann einen Job in einem Plattenladen zu suchen. So ist es gekommen. Und so ist aus vier Wochen ein Jahr geworden. Später beim HR wollte ich auch nur vier Wochen bleiben und daraus wurden fünf Jahre.

Hätte Ihnen das auch passieren können?

CA: Ich glaube nicht. Obwohl: Das stimmt wahrscheinlich gar nicht. Ich habe in Gießen studiert und als freier Mitarbeiter für Zeitungen geschrieben, als das Angebot kam, für das Jugendmagazin »Jetzt« der »Süddeutschen« als Redakteur nach München zu gehen. Meine Eltern waren erst geschockt, weil sie dachten: Ohne abgeschlossenes Studium kann aus ihm nichts werden. Dann haben sie aber gut reagiert und gesagt: Bleib eingeschrieben, geh nach München und wenn es nicht klappt, kommst du zurück und studierst weiter. Das hat mir den Druck genommen. Nach ein paar Wochen war klar, dass es mit dem Studium nichts mehr werden würde. Dass es nach München ging, war Zufall. Bei mir war es nicht London, sondern München. Aber das war für mich mindestens genauso weit weg wie London.

Warum ist Ihr Bruder mit seinen Büchern so erfolgreich?

CA: Er hat eine Gabe, sich in Leute hineinzudenken, die mit seinem Leben nichts zu tun haben. Wo ist Bushido aufgewachsen? In Berlin-Tempelhof. Ganz anders als wir. Auch mit dem Leben von Rudolf Schenker hat Lars auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten. Aber er kann sich in die gedankliche und emotionale Welt eines anderen hineindenken. Wenn ich jemanden portraitiere, schreibe ich über eine Person, Lars muss wie diese Person schreiben. Und die muss auch noch sagen: Genau, das bin ich, das sind meine Gedanken. Das ist eine seltene, große Stärke. Er hat eine unglaubliche Beobachtungsgabe. Im »Zeit«-Magazin gibt es die Rubrik: »Ich habe einen Traum«. Da interviewen wir eine Person und versuchen dann, ihre Gedanken in ihrem Sinne aufzuschreiben. Das ist ähnlich, aber natürlich nicht im Aufwand vergleichbar mit einer Biografie.

Foto: Wollmann

Bleiben wir beim »Zeit«-Magazin. Warum sollte man es lesen?

CA: Ich hoffe, dass wir unsere Leser jede Woche mit neuen Geschichten, Themen und Ideen überraschen, die sie sonst nirgendwo bekommen. Das ist das Ziel. Übrigens für alle Arten von Qualitätsjournalismus. Er hat nur eine Chance, wenn er sich auf seine Stärken besinnt und Geschichten erzählt, die der Leser nirgendwo anders bekommt. Darin liegt auch der Erfolg der »Zeit«. Und das »Zeit«-Magazin ist die emotionale, unterhaltende Seite der »Zeit«, wir erzählen sehr persönlich, durchaus subjektiv, sicher auch polarisierend, aber hoffentlich nie langweilig.

Ist das doppelte Titelbild des »Zeit«- Magazins Ihre Erfindung?

CA: Wir haben das in einer kleiner Gruppe von Kollegen, die das Magazin entwickelt haben, gemeinsam erfunden. Die Idee ist übrigens eher zufällig entstanden. Wir sollten in der Entwicklungsphase mögliche Titelbilder präsentieren – ziemlich kurzfristig. Da haben wir ein paar Fotos genommen und uns Geschichten überlegt, die wir theoretisch gemacht hätten, wenn es das Magazin schon gegeben hätte. Wir hatten auch zwei Fotos von einem Manager, der einen Ballon aufbläst, bis er zerplatzt. Dazu haben wir die Zeilen geschrieben: Der Kunstmarkt – wann platzt die Blase? Auf dem zweiten Titel ist der Ballon zerplatzt. Das kam bei der Präsentation gut an, aber dann hieß es, das bekommt man nicht immer hin. Gerade deswegen fand ich es interessant. Das passt zu dem, was Lars vorhin gesagt hat: Als alle sagten, das schaffst du nicht, dachte ich: Das wollen wir doch mal sehen. Natürlich funktioniert der Doppeltitel nicht jede Woche gleich stark, wie es bei jedem anderen Titel auch ist, aber wir sind dadurch unverwechselbar geworden, gleich am Anfang des Heftes optisch großzügig, das ist gerade bei unseren Umfängen von etwa 60 Seiten ein Vorteil. Und wir sind schon stolz darauf, dass wir damit dreimal hintereinander den Titel »Cover des Jahres« gewonnen haben.

Sie bekommen viele Geschichten auf den Schreibtisch. Gibt es perfekte Texte?

CA: Sehr selten. Man muss an jedem arbeiten. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, manchmal ist mehr zu tun, aber ich finde: Das gehört zum Handwerk. Bei uns gehen alle Geschichten durch sehr viele Bearbeitungsstufen.

Foto: Wollmann

Redigieren oder schreiben? Was mögen Sie denn mehr?

CA: Ich bin auch deshalb zum Journalismus gekommen, weil ich gerne schreibe. Aber das Arbeiten an Texten anderer macht mir genauso viel Spaß, das Feilen, das Diskutieren über Bilder, das Zeilenmachen. Mein jetziger Job beinhaltet viele andere Aufgaben, aber ich schreibe trotzdem, drei-, viermal im Jahr selbst eine längere Geschichte. Ich glaube: Man muss sich auch als Chef dem Druck aussetzen, den jeder beim Schreiben hat. Wenn ein Ressortleiter nicht selbst schreibt, droht er das Gefühl für den Druck zu verlieren, den man hat, wenn man schreiben muss. Allein vor dem Computer, da hilft dir keiner.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?

CA: Ich bin ehrgeizig, insofern bedeutet er mir offenbar einiges. Ich wollte ja eigentlich Fußballprofi werden, ganz im Ernst, ich war auch in einigen Auswahlmannschaften, bis ich ich mich schwer verletzt habe, als ich 15 war. Heute treffe ich häufiger Leute, die sich in der Jugend eine Sportlerkarriere erträumt hatten. Ich glaube, dass man Ehrgeiz aus dem eigenen Sportlerleben ziehen kann. Ich habe den sportlichen Ehrgeiz in beruflichen umgewandelt. Das gilt übrigens auch für den Erfolg meines Bruders. Als ich sein Buch auf Platz 1 der Bestsellerlisten gesehen habe, war ich richtig stolz. Und ich habe jedem erzählt, dass sein Buch erfolgreich ist.

LA: Ich bin sicher nicht so ehrgeizig wie Christoph. Ich will das, was ich mache, schon so gut wie möglich machen, aber die Anerkennung von außen ist für mich eher zweitrangig. Es ist zwar schon toll, seinen Namen auf der »Spiegel« Bestsellerliste zu lesen, aber ich würde dem nicht alles unterordnen.

CA: Wissen Sie, ich habe einen ziemlich durchgeplanten Arbeitstag. Als Lars mich vergangenes Jahr mal anrief und sagte, wir haben für drei Monate ein Haus in Südfrankreich am Meer gemietet, da schreibe ich das neue Buch fertig, war ich neidisch. Für mich ist das nicht drin. Lars hat die Ruhe von unserem Vater. Wenn ich an Papa denke, sehe ich immer ein Glas Rotwein, ein Buch und den Kamin. Meine Mutter hingegen arbeitet Tag und Nacht und fährt noch mit dem Rad auf den Feldberg. Unsere Eltern sind schon sehr unterschiedlich, und als Scheidungskind neigt man ja dazu, die Trennung der Eltern genau damit zu erklären. Es war für mich ein Prozess, zu verstehen: Du bist trotzdem ein Produkt von Liebe – und nicht nur ein Kind von Menschen, die nicht zusammenpassen.

LA: Noch mal zum Erfolg. Ich finde, man muss sich einfach fragen, würde ich das auch machen, wenn ich nicht so viel oder sogar gar kein Geld dafür bekommen würde. Dann ist schnell klar, wohin die Reise geht. Viele suchen des Geldes wegen Berufe aus. Aber wenn du etwas aus der Leidenschaft heraus machst, wirst du immer besser sein und sogar Spaß haben.

CA: Bei uns hat früher niemand geahnt, dass sich durch die Musik, die wir gehört haben, eine Art berufliche Kompetenz entwickeln würde. Für unsere Eltern war es schwer, zu begreifen, dass es gar nicht so schlecht war, dass wir eine Leidenschaft entwickelt haben – selbst wenn es in ihren Ohren absurde Musik wie Hip-Hop oder Techno war.

LA: Aber bei dir war doch schnell klar, wohin dein Weg dich führen wird. Du hast mit 14 in der Schule das Pausenradio erfunden: »Radio aktiv«.

CA: (lacht) Ich habe gehofft, du ersparst mir, den peinlichen Namen zu nennen.

LA: Christoph war immer ein Macher. Ein Grund, warum er so erfolgreich ist, ist, dass er ein gutes Gespür für Trends und für Themen hat, die in der Zukunft interessant sein könnten. Er hat schon Musikmagazine gelesen, aus England oder den USA, als andere noch nicht einmal von deren Existenz wussten. Aber, worauf wollte ich hinaus?

CA: Das ist der Nachteil und gleichermaßen der Vorteil, wenn du auf dem Land aufwächst. Alles, was mich kulturell interessiert hat, fand in Langgöns natürlich nicht statt. Man musste es sich holen, etwas dafür tun. Ich habe als Teenager und Student in Redaktionen angerufen und gesagt, ich habe hier ein Thema, ich würde gerne schreiben. Oft wird man nicht zurückgerufen, aber das hat mir nichts ausgemacht. Wenn man unbedingt etwas machen will, darf man sich nicht davon abbringen lassen. Der Journalismus ist ein merkwürdiger Beruf: Wenn du es ernst meinst, hat alles, was um dich herum passiert, mit deinem Job zu tun. Das ist anstrengend und man zahlt einen gewissen Preis dafür, aber es ist auch ungeheuer anregend. Wer diese Bedingungen akzeptiert, macht es, weil er nichts anderes machen will. Das merkt man auch bei Praktikanten. Es sind immer die gut, die sich nichts anderes vorstellen können. Denen ist es egal, wenn sie x-mal nicht zurückgerufen werden. Irgendwann kommen sie durch.

LA: Ja, zu viel darüber nachzudenken schadet nur. Es stimmt: Die Leute sind am besten, die keinen Plan B haben. Die, die sagen, das ist das, was ich machen will, und ich bekomme die Miete schon zusammen – irgendwie, aber zuerst muss ich noch diese Geschichte aufschreiben, denn wenn ich es nicht mache, bin ich unglücklich.

CA: Trotzdem ist es auch wichtig, Fehler zu korrigieren. Von einem Manager habe ich mal gelesen, dass ihm im Job eine Regel geholfen hat: In der Sekunde, in der du merkst, irgendetwas funktioniert nicht, von der Sekunde an zählt jeder Tag. Das ist eine gute Botschaft. Man kann sich immer korrigieren. Man sollte nur denselben Fehler nicht zweimal machen.

Interview: Marc Schäfer

Quelle: STREIFZUG – Das Magazin der Gießener Allgemeine (Mai 2010)

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