ICH WÜNSCHTE, ICH HÄTTE DEN MUT GEHABT MEIN EIGENES LEBEN ZU LEBEN – TEIL 2

18. Apr 2012

von LARS AMEND

(…)

„Soll ich dir verraten, was 99 Prozent aller Menschen in den letzten Sekunden denken, bevor sie sterben?“
„Sag!“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.“
„Dann hilf mir, meinen Weg zu finden.“
„Das kann ich nicht.“
„Warum redest du dann mit mir?“
„Um dich daran zu erinnern.“
„Mein Gott, an was denn? Kannst du dich nicht etwas deutlicher ausdrücken?“
„Einstein hat gesagt: ,Jeder intelligente Narr könnte Sachen größer, komplexer und gefährlicher machen. Aber es gehört ein Hauch von Genialität und Mut dazu, um etwas in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.‘“
„Das verstehe ich nicht.“
„Ändere die Richtung! Was du in den letzten Monaten gemacht hast, ist der pure Irrsinn. Man müsste dich eigentlich in eine Psychiatrie einweisen. Du tust die gleichen Dinge immer und immer wieder, erwartest jedoch neue Ergebnisse. Das kann nicht funktionieren, und obwohl du es weißt, machst du es trotzdem Tag für Tag auf die gleiche alte Art und Weise. Wieso gibst du dir so wenig Mühe? Beginne wieder zu träumen, setze die Ziele, gerate ins Schwärmen, probiere Neues aus und stürze dich ins Abenteuer. Die Welt ist ein Buch und wer nicht auf Reisen geht, wird nie über die erste Seite hinwegkommen.“

„Wenn ich wenigstens wissen würde, welches Buch meines ist.“
„Auch das weißt du.“
„Aber du willst es mir nicht sagen, stimmt‘s?“
„Stimmt genau. Achte auf die Zeichen!“
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ICH WÜSSTE NICHT, AN WELCHEM ORT ICH JETZT LIEBER WÄRE.

07. Apr 2012

Quelle: Foto

von LARS AMEND

Veronika drehte sich um und schaute in den wolkenbehangenen Himmel.
„Wie ist das denn so, wenn man ganz alleine ist, ohne festen Job, ohne Sicherheiten, ohne einen Plan, ohne … na, das alles?“, fragte sie und nahm einen tiefen Zug von der frischen Brise, die um uns herum wehte.
„Es ist das gleiche Gefühl von Freiheit, wie damals, als ich noch klein war, verstehst du?“

Sie sah jetzt ein bisschen traurig aus.

„Man darf eben keine Angst vor dem Leben haben und den Abenteuern, die auf einen warten. Ich weiß, dass ich eine besondere Begabung habe. Ich muss dieses gewisse Etwas nur noch aus mir heraus kitzeln. Er ist ja schon da. Ich habe es auch schon fast gefunden. Aber eben nur fast.“
„Und glaubst du echt, dieses gewisse Etwas auf deiner Reise zu finden?“
„Deswegen mache ich das. Nur deswegen. Ich bin noch auf der Suche.“
„Krass!“
„Was denn?“, fragte ich und nahm sie von hinten in den Arm.
„Wie du das so machst. Ich könnte das nicht.“
„Musst du ja auch nicht.“
„Aber hast du denn überhaupt keine Angst?“
„Wovor denn?“
„Keine Ahnung. Vor der Zukunft! Davor, dass das alles nicht klappt, was du dir vorstellst. Dass du kein Geld hast und so. Na, vor allem eben. Ich weiß auch nicht.“
„Angst habe ich keine, aber auch ich bin mal in ein Loch gefallen, als ich gemerkt habe, dass sich meine Ziele nicht von heute auf morgen realisieren lassen. Das war kurz nachdem ich mein altes Leben aufgegeben hatte. Es ist nie einfach.“ Continue reading

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WEN SIEHST DU?

03. Apr 2012

Foto: ARCS

von LARS AMEND

Rennst du als Schauspieler während eines Filmdrehs nackt durch New York, kommt die Polizei und sperrt die Straßen für dich ab, damit dich niemand stört.

Ein paar Monate später sehen die Menschen diese Szene im Kino oder im Fernsehen und applaudieren wegen der sensationellen künstlerischen Inszenierung.

Und das Beste: Du bekommst sogar noch eine Menge Geld dafür.

Wenn du aber kein Schauspieler bist und trotzdem nackt durch New York rennst, kommt die Polizei zwar auch, aber sie sperrt nicht die Straße für dich ab, sie sperrt dich ein.

Mit etwas Glück schaffst du es sogar ins Fernsehen, in die Trash-Nachrichten der Boulevardsender und die Leute schütteln nur mitleidig mit ihren Köpfen. Sie halten dich nicht für einen hochtalentierten Superstar, sondern für einen durchgeknallten Irren.

Die identische Szenerie – zwei vollkommen unterschiedliche Wahrnehmungen und Beurteilungen.

Manchmal ist es hilfreich die Perspektive zu wechseln und einen Moment länger über etwas nachzudenken.

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EINE MINUTE IN MEINEM KOPF.

02. Apr 2012

Foto: talklikeaphysicist.com

von LARS AMEND

Im ICE Restaurant zwischen Wolfsburg und Berlin. Ich sitze am Fenster, in Fahrtrichtung, und schaue ausdruckslos nach draußen. Der Zug rast durch die graue trostlose Landschaft aus kleinen Flüssen, Feldern, Wäldern, Dörfern und zieht einen goldenen Strahl hinter sich her. Überhaupt ist dieser Zug sehr golden. Ich suche nach Jurassic Five in meinem iPod. Was, wenn die Wirklichkeit gar nicht dem entspricht, was ich glaube zu sehen? Wie sieht es dahinter aus? An den Bäumen hängen Totenköpfe. Es weht kein Wind. Die drei großen Gastanks, an denen wir gerade vorbeikommen, könnten explodieren, denke ich, tun sie aber nicht. Wir überholen eins, zwei, drei, vier, fünf Autos, die parallel auf der Landstraße neben uns herfahren. Eine russische Boden-Boden-Rakete könnte sie treffen, wenigstens eines davon, aber es passiert nichts. Wäre die Explosion ebenfalls so langweilig grau? Wir fahren ruhig weiter. Was, wenn diese Baumreihe, die so unschuldig vor dem einsamen Bauernhof steht, in Wahrheit gar keine unschuldige Baumreihe ist? Der Russe, der mir gegenüber sitzt und Earl Grey Tee trinkt, riecht nach kaltem Schweiß. Ich versuche, mich an den süßen Duft von reifen Honigmelonen zu erinnern, schaffe es aber nicht. Eine Rakete könnte ihn treffen, von Russe zu Russe, aber dann wäre ich wohl auch hinüber. Wind of Change. Warum haben Dinge Namen? Wer hat das entschieden? Die dicke Koreanerin, die neben dem Russen sitzt und ihren Mund eigenartig auf und zu macht – wie ein Fisch, der zu lange an der Luft ist – tut mir leid. Sie sieht aus wie ein Schwein. Ob sie das auch manchmal denkt? Und was fühlt sie dann? Ich stelle mir vor, dass sie niedliche Katzenbabies quält. Jetzt habe ich kein Mitleid mehr. Ob die beiden ein Paar sind? Nein, sie bezahlen ihre Getränke getrennt. Sie hätten gut zusammengepasst: Er stinkt und sie ist … eine Rakete könnte sie treffen. Nein, sie muss noch ihre Miete zahlen. Ob ihr Vermieter heimlich in sie verliebt ist? Vielleicht installiert er gerade eine Kamera in ihrem Schlafzimmer? Ich sehe mich im Fenster. Der Russe hustet mich an. Ist das die Rache in der Nacht? Am Himmel zieht ein Gänseschwarm vorbei. So elegant und schön. Es ist immer noch alles grau. Eine Rakete könnte sie vom Himmel pusten. »Noch einen Wunsch?«, fragt der Zugkellner.

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ICE LIEBE

02. Apr 2012

FOTO: WE HEART IT

von LARS AMEND

Im ICE Bordrestaurant kurz vor Hannover. Der Zugkellner, Ende Zwanzig, setzt sich neben mich und fängt an zu lächeln.
»Entschuldigung, ich habe gerade gehört, dass Sie in Hannover aussteigen und den Anschlusszug nach Berlin nehmen.«
»Ja, das stimmt,« sage ich und drehe mich seitlich zu ihm.
»Also, ich habe eine große Bitte. Im Bistro dieses ICEs arbeitet ein Mädchen, Steffi. Hmm, würden Sie, also, ähh, wie soll ich sagen …«
»Ja, mache ich,« lächle ich zurück.
»Aber Sie wissen doch gar nicht, was ich meine!«, sagt er verwundert und schaut zu den anderen Fahrgästen, die mit am Tisch sitzen und mittlerweile alle mithören.
»Ich soll ihr von Ihnen als Überraschung einen Gruß übermitteln. Etwas besonderes, denn dieses Mädchen ist nicht nur irgendein Mädchen.«
»Ja, genau!«
Er strahlt über beide Ohren.
»Ein einfacher Gruß wäre schon ausreichend. Ja, das wäre spitzenklasse.«
»Klaro. Und wie erkenne ich sie?«
»Sie ist blond und sehr hübsch.«
»Alles klar, ich finde sie.«

15 Minuten später im ICE nach Berlin. Ich gehe ins Bistro und finde sie tatsächlich hinter der Theke. Sie muss es sein, denn sie ist blond und wirklich sehr hübsch. Was ich zu ihr gesagt habe, bleibt mein Geheimnis, aber falls der Zugkellner und ich uns jemals wiedersehen werden, wird er mir die nächste heiße Ofenkartoffel mit Sauerrahm hundertprozentig spendieren.

LOVE ALWAYS!

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DER HIMMEL VON MAILAND

31. Mrz 2012

Foto: Schedvin

von MARIO GALLA mit LARS AMEND

(…)
Maia legte ihr rechtes Bein über meine Decke.
»Ich bin mir nicht so sicher, ob die Welt dort in Ordnung ist«.
Ich sah sie an und schloss die Augen, obwohl ich gar nicht mehr müde war. Vorhin hätte ich easy einschlafen können, aber jetzt war ich hellwach. Wann musste ich noch mal am Flughafen sein morgen?
»Ich lag früher oft auf dem Dach unseres Hauses und habe die Sterne beobachtet«, unterbrach Maia meinen Gedankengang. »Nirgendwo auf der Welt gibt es so einen ehrlichen Himmel wie in Brasilien. Das weiß ich sicher.«
»Wie ist denn der Himmel von Mailand?«, fragte ich.
»Nicht ehrlich.«
(…)

Auszug aus »MIT EINEM BEIN IM MODELBUSINESS«

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WENN DU FLIEGEN KANNST

30. Mrz 2012

Foto: just another masterpiece

von LARS AMEND

(…)
»Wo bist du gerade?«, flüstere ich in ihr Ohr.
Sie lächelt, die Augen geschlossen, und tanzt. 
Ich rieche an ihren Haaren und versuche meine Gedanken zu ignorieren. Ich will jetzt nicht denken. Durch das große Fenster auf der anderen Seite kann man das Meer sehen. Ich stelle mir für einen Moment vor, wie es wohl wäre, sie zu sein, zu fühlen, was sie gerade fühlt. Ich kann meinen Herzschlag spüren, der sich der Geschwindigkeit der Musik angepasst hat.
»Bin wieder da«, sagt sie.
»Wo warst du?«
»Weit weg«, lächelt sie und legt ihre Arme um mich.
Ich liebe ihr Lächeln. Sie weiß das.
»Ich hab in der Zwischenzeit hier auf dich aufgepasst.«
»Hab ich gemerkt,« sagt sie und küsst mich.
Ich liebe ihre Küsse. Sie weiß das. 
Wir sehen uns lange an.
»Ich bin zur Venus geflogen.«
»Und?«, frage ich.
»War schön.«
»Nimmst du mich das nächste Mal mit?«
»Wenn du fliegen kannst!«
(…)

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DAS KRIPPENSPIEL

29. Mrz 2012

Quelle: Foto

von LARS AMEND

(…)
„Setz dich!“
Ich setzte mich. Das Café war fast leer. An der Fensterfront saßen zwei kräftige Männer in Trainingsanzügen, die Karten spielten und rauchten, aber ich schätzte, ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Tür im Auge zu behalten. Im Fernseher, der gegenüber an der Wand hing, lief ein Fußballspiel, das aber niemanden wirklich zu interessieren schien.

Die Frau, die mich hierher gebracht hatte, redete kurz mit dem Typen hinter dem Tresen, dann verschwand sie in der Küche. Ich fragte mich, ob sie wirklich eine Prostituierte war oder nur so getan hatte, um im Quartier Pigalle nicht aufzufallen. Sie war hübsch, vielleicht eine Spur zu hübsch für das, was sie vorgab zu sein, aber nun war sie fort und mit ihr auch die Antwort auf meine Frage. Auf der anderen Seite, Fragen hatte ich genug: Warum hatte sie mich nicht abgezogen? Warum sah sie mich im letzten Moment so eigenartig an, telefonierte eilig und brachte mich an diesen Ort?

Zwei bis zum Rand gefüllte Halb-Liter-Gläser mit frischgepressten Orangensaft wurden an unseren Tisch gebracht. Dazu gab es riesige Portionen mit gebratenen Hähnchen, Reis und Brot.
„Iss!“, sagte er und zeigte mit seiner Gabel auf meinen Teller.
Ich wußte, dass es zwecklos sein würde, ihm zu erklären, dass ich nicht hungrig war, also aß ich. Das Hähnchen war gut, von außen scharf angebraten und innen schön saftig.
„Hmm, lecker“, erwiderte ich ohne meinen Blick vom Teller abzuwenden.
„Ich verrate dir erst einmal, wie man ein Huhn richtig zubereitet. Du legst es über Nacht in Milch und Honig ein. Dann würzt du es mit Paprika, Knoblauch, Chili und Cucuma, einer Prise Salz und etwas Pfeffer. Fertig! Es ist so einfach und doch bekommt es kaum jemand hin. Das hier“, er klopfte mit der Gabel dreimal gegen den Rand seines Tellers, „ist mein Rezept.“
Ich hob meinen Kopf und wußte nicht, was er von mir hören wollte.
„Ja, schmeckt sehr gut”, sagte ich.
Er nickte zufrieden.
„Also”, fing er an und nippte an seinem Saft, „ich werde dir jetzt eine Geschichte erzählen. Hörst du zu?“
„Ja, natürlich“, antwortete ich gespannt.

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ICH WÜNSCHTE, ICH HÄTTE DEN MUT GEHABT MEIN EIGENES LEBEN ZU LEBEN.

27. Mrz 2012

von LARS AMEND

(…)

Zurück in meinem Hotelzimmer, streifte ich mir auf der Stelle die Klamotten vom Körper, lies sie auf dem Boden vor dem Bett liegen und nahm eine ausgiebige heiße Dusche. Es war schon immer so, dass mir die besten Ideen entweder beim Joggen, in der Badewanne oder unter der Dusche kamen. Vielleicht liegt es daran, dass man in diesen Momenten nicht von äußeren Einwirkungen abgelenkt wird und sich ganz auf seinen inneren Monolog, die Stimme in seinem Kopf, konzentrieren kann. Ich jedenfalls führe permanent diese stillen Selbstgespräche. Manchmal laufe ich sogar durch meine Wohnung und interviewe mich selbst. Das mag schizophren klingen, aber die Worte sprudeln dann, wie von Zauberhand gelenkt, einfach aus mir heraus. Ich bin oft selbst ganz überrascht. Doch die Stimme, die jetzt, in diesem Genfer Hotelzimmer, zu mir sprach, klang anders. Ich konnte mir nicht genau erklären, ob ich selbst es war, der mit mir redete, die Stimme aus den Albträumen der vergangenen Monate war es jedenfalls nicht.

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